Wo die ULTRA-Fangemeinde des Fußball-Viertligisten HFC auftritt, gibt es Ärger. Das erlebt auch unser Autor und Regisseur Dirk Laucke, der sich im Auftrag des Thalia Theaters Halle in ein vom Heimspiel-Fonds der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Theater-Experiment begeben hat, um gemeinsam mit einer Gruppe von Ultras der Frage nach zu gehen: Wer sind diese fanatischen Fans, die ihr ganzes Leben nach der Kurve richten und mit ihrem provokanten, oft aggressiven Verhalten Polizei, Medien, gegnerische Fans und selbst den eigenen Verein gegen sich aufbringen?
Einige Journalisten und Politiker werfen der Inszenierung nun vor, Gewalt und Rassismus eine Bühne zu geben, fordern die Änderung oder Absetzung der Produktion und die der Intendantin am besten gleich mit. Andere verstehen diese Arbeit als Beitrag, sich einem gesellschaftlichen Phänomen mit großem Konfliktpotential durch Befragung und Selbstdarstellung seiner Protagonisten auf durchaus differenzierte Weise zu nähern - Pro und Kontra für die ULTRAS:
"Dirk Lauckes vielschichtiges Porträt ULTRAS am Thalia Halle:
... In dem Stück von Dirk Laucke stellen sich die Hardcore-Fans selbst vor. Laucke gelingt das vielschichtige Porträt einer Bewegung zwischen Gewalt, gesellschaftskritischen Forderungen und sozialem Engagement. ... Thematisiert werden die Skepsis der Ultras gegenüber den Medien und ihre Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs. Laucke gelingt es, Klischees zu widerlegen, ohne die Ultras zu glorifizieren. Er zeigt sie mal als prügelnde Hooligans, mal als Spendensammler für krebskranke Kinder. Auch die Polizei als Gegenspieler erscheint mal als positive Kraft, die für Recht und Ordnung sorgt, mal als vorab verurteilende Autorität, die den Ultras das Leben schwer macht. Dieses Wechselprinzip macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich ein abschließendes Urteil über die Fangemeinde zu bilden. Doch gerade in der Verweigerung einer Schwarz-Weiß-Malerei liegt die Stärke des Stückes. ...
Laucke betreibt hier kein Betroffenheitstheater, es gelingt ihm vielmehr, das Vorurteil der Ultras, von der Außenwelt falsch dargestellt zu werden, schon im Grundkonzept zu entkräften. Allerdings trägt der Abend eher dokumentarische als theatrale Züge, denn: Laucke zeigt Fans, die nicht schauspielern, sondern ihr gewohntes Verhalten nachstellen. Damit gelingt es ihm, zwei gemeinhin so unvereinbare Welten zusammenzuführen: Fußball und Theater. Aus der Bühnen- wird eine spannende Tribünenshow."
Leipziger Volkszeitung, 21. September 2009
"Die Bühne wird zum Podium unreflektierter Militanz:
... Man muss es klar sagen: Das, was am Freitagabend im großen Thalia Theater Halle unter dem Titel ULTRAS Premiere hatte… hätte in dieser Form nicht auf die Bühne kommen dürfen. ... Und die künstlerisch Verantwortlichen, voran die Intendantin Annegret Hahn, müssen sich die Frage stellen lassen, ob sie nicht gesehen haben, wozu ihre Bühne und öffentliche Mittel, darunter von der Kulturstiftung des Bundes, missbraucht werden. ...
Nach dem Blick in die Lebenswelt der Plattenbausiedlung (der Rezensent bezieht sich hier lobend auf die Inszenierung „Silberhöhe gibts nich mehr“, die Dirk Laucke 2008 ebenfalls mit Laiendarstellern am Thalia erarbeitet hat) sollte nun abermals ein spannendes Thema mit „echten“ Darstellern auf die Bühne geholt werden. Laucke hat sich dafür einer Gruppe von Anhängern der Ultra-Szene des Halleschen FC versichert. Was dann aber geschieht, ist erkennbar nicht mehr als die platte, über weite Strecken unerträglich selbstgefällige Selbstdarstellung junger Leute, die ihren Verein als zentrales Glücks- wie Schmerzereignis begreifen. ...
Ausführliche, teils genüsslich, teils selbstmitleidige Schilderungen, wie man (z.B. bei den Spielen in Frankfurt und zu Hause gegen Hannover) gewaltsam zu Werke gegangen ist, dominieren - und wie die bösen "Bullen" dann hingelangt haben. Immer gibt es eine klare Trennung in Gute und Böse in diesem Stück: Die Ultras und ihre Mannschaft sind gut, böse sind alle anderen. Die Polizei ist in dieser Lesart stets geil aufs Prügeln, zudem gemein und himmelschreiend dumm ... Einen Journalisten gibt es, der zumindest ein paar kritische Worte sagen darf, aber zugleich als Karikatur eines korrumpierten, obendrein stets biertrinkenden Systemgewinnlers dargestellt ist. Nur folgerichtig, dass man den schließlich gewaltsam in die Ecke drängt und ihm das Mikrofon wegnimmt. Man kann auch sagen: ihn mundtot macht. Und der Vereinsmanager? Der bedroht die armen Ultras mit Stadionverbot und ist ein ganz Fieser. Wie gesagt: Wer gut ist, wer böse – es steht von vornherein fest . Zum finalen Skandal kommt es aber, wenn die Ultras von der Bühne verkünden dürfen, der Hass-Ruf „Juden Jena“ sei nicht schlim, nicht politisch und auch nicht antisemitisch. Denn erstens sei man schon zu DDR- Zeiten damit unterwegs gewesen, ohne das es jemanden gestört hätte. Außerdem stünde ja auch „Zigeunerschnitzel“ unbeanstandet auf Speisekarten. Das Stück, die Regie findet kein Wort dagegen. Triumphgelächter auf der Bühne, im Saal wird mitgelacht. Da bleibt einem die Luft weg.“
Mitteldeutsche Zeitung, 22. September
Die Diskussion um die Inszenierung geht inzwischen weiter – in den Medien (verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf ein sachlich erläuterndes Statement von Dirk Laucke und das Diskussionsforum auf nachtkritik.de ), vor allem aber nach jeder Vorstellung. Und das ist gut so. Denn auch innerhalb des Theaters ist dies eine nicht erst seit 1989 bewährte und lebendige Form der Auseinandersetzung mit brisanten politischen Fragen und Widersprüchen, die den Einzelnen zur Stellungnahme herausfordern.