Die höllisch-paradiesische Trinkergeschichte der Hannah Luckraft im Roman der rennomierten schottischen Autorin A.L. Kennedy entfaltet ihren vital-abgründigen Sog inzwischen auch im Hörspiel und auf der Bühne. Die Regisseurin Irene Schuck hat mit prominenter Besetzung (Inga Busch und Matthias Brandt u.a.) im Auftrag von MDR und NDR eine eigene Hörspielbearbeitung des Stoffes in Szene gesetzt, die jetzt auf den Hörspieltagen der ARD in Karlsruhe von der Fachjury hoch gelobt und in die Endauswahl für den diesjährigen Hörspielpreis geschickt wurde. - Eindrucksvoll kann man Hannah L. z.Z. auch auf der Bühne des Landestheaters Tübingen erleben, ebenfalls in der eigenen Bearbeitung und Inszenierung einer erfahrenen Regisseurin.
"... Nun ist es so, dass die lange männerdominierte Trinkerliteratur von Ernest Hemingway bis Charles Bukowski meist schwerfällig, genialisch, wahn- und trübsinnig, wahlweise auch dumpf, kaputt und dreckig zur Sache geht. Das ist im höllischen "Paradies", dem 362-Seiten-Roman der schottischen Autorin Kennedy anders. Hannah, die Hauptfigur, hat eine irritierende Leichtigkeit. Genau an diesem Punkt setzt die Bühnenfassung des Landestheaters Tübingen an. ...
Nein, diese Hannah ist bei Gaudard keine depressive Säuferin, sondern eine rotzfrech bekennende Genuss-, Humor- und Sinnlichkeitstrinkerin. Die Sauferei, so hat sie sich zurechtgelegt, ist bei ihr nur eine erweiterte, leicht entgleiste Variante eines sowieso lustgierigen Lebensstils. Auch eine Vorstufe zu rauschhaftem Sex. Wenn Gaudars Hannah stolz ihre Flasche vierizigprozentigen Bushmills herumzeigt und ihren Lover Robert in Greifnähe hat, könnte sie eigentlich selig sein. Doch sie trinkt sich immer tiefer in die Katastrophe. ...
Jenke Nordalm (verantwortlich für Regie und Textadaption) übersetzt den Roman in einen vielstimmigen Monolog auf der Bühne, aus dem Katja Gaudard eine fesselnde Polyphonie innerer und äußerer Stimmen herausarbeitet: traurig und doch munter plappernd, trotzig mit windschiefem Lächeln, ramponiert und zärtlich. Was sich durchzieht ist eine selbstanalytische Distanz. ... Udo Rau verkörpert das Umfeld Hannahs, skizziert den Liebhaber Robert, den strafenden Bruder, den gutwilligen Vater. Er ist so etwas wie die Gummiwand, an der Hannahs wild schillernde Monologe abprallen. ...
Unsentimental, knallhart, tragikomisch - diesen Grundton des Kennedy-Romans bringt Nordalms Bühnenszenario sehr genau auf den Punkt. Was bleibt, ist das lakonische Psychogramm einer Sucht, nah herangezoom."
Theater der Zeit, November 2009