FREY! in Stuttgart

vom 22.12.2011

In seiner zweiten Stückentwicklung am Stuttgarter Schauspiel schickt Jan Neumann einen kleinen Versicherungsangestellten in die Welt hinaus auf eine Reise. Gemeinsam mit fünf Schauspielern und dem Bühnenbildner Matthias Werner und dem aktuellen Stuttgarter Spielzeitmotto folgend hat der Autor-Regisseur sich auf die Suche nach dem Sinn der Freiheit und des Lebens begeben. Er lässt den Protagonisten seiner Geschichte, Friedemann Frey, einen chaplinesken Simpilicissimus, zwischen philosophischen Höhen und existenziellen Abgründen so spielerisch wie folgerichtig ins Nichts laufen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Pressestimmen:

„Im Nord, der Außenspielstätte des Schauspiel Stuttgart, ist diese Reise zum Ich nun uraufgeführt worden und beginnt als gutgelaunte Maskerade. Gleich fünfmal steht Friedemann Frey auf der Bühne: Silja Bächli und Matthias Kelle, Sebastian Röhrle und Jens Winterstein tragen alle nachtblaue Anzughosen samt Sakko – und begleiten Gabriele Hintermaier als den eigentlichen Frey bei diesem Roadmovie, das vom Büro in die Berge führt, weiter mit dem Schiff über das Meer, nach New York und Las Vegas.
Jan Neumann, der das Stück gemeinsam mit dem Stuttgarter Ensemble entwickelt und auf die Bühne gebracht hat, setzt auf einfache theatralische Mittel. Große Passagen des Stückes werden erzählt, dabei aber wie im Hörspiel von den schauspielern atmosphärisch angereichert. Da muht und zwitschert es in den Bergen, die Krawatte wackelt, als fege der Wind durch die Gassen, es wird ins Mikro geblökt und klingt wie das dumpfe Signal des Überseedampfers.
So schafft Neumann leicht und spielerisch Atmosphäre und es entstehen assoziativ Räume und Schauplätze. Gabriele Hintermaier wandelt als Frey mit hängenden Schultern aber blitzwachem Geist durch die Welt und begegnet Menschen und Schicksalen. Da ist der Einsiedler, dem die Frau nach Jahrzehnte langer Krebserkrankung, Chemotherapie und Bestrahlungen dann endlich weggestorben ist. „Ich habe gebetet. Dass sie stirbt dass sie einfach endlich verreckt.“ Auf dem Dampfer begegnet Frey einer Frau, die vom Vater missbraucht wurde und es genossen hat. Er fährt mit einem Motorradrocker, der das denken eingestellt hat, durch die USA und landet schließlich im Hotel bei einer Rezeptionistin, die über Selbstmord fabuliert. …
So wenig wie Frey findet Neumann und das Stuttgarter Ensemble eine Antwort darauf, wie das richtige Leben ausschaut, wann der Mensch er selbst ist und wie er frei wird. Das ist die bittere Bilanz dieses schönen, poetischen und auch sprachlich bemerkenswerten Theaterabends.“
Die Deutsche Bühne, Adrienne Braun, 20. Dezember 2011

„Um zu erzählen, was jenem liebenswerten Durchschnittsmenschen widerfährt, der eines Tages den Schlüssel aus seiner Haustüre zieht, um sich Reiche jenseits der engen Grenzen seiner Vorstellungskraft zu erschließen, hat Neumann wie in seinem ersten gefeierten Stuttgarter Streich „Fundament“ die Gedankenströme seines Ensembles frei entbunden. Das Ergebnis dieser Art theatralischer Schwarmkreativität löst auf der Produktionsebene ein, was dem sinnsuchenden Krawattenträger auf der Inhaltsebene stets entgleitet: die Verheißung des Offenen, Unerwarteten, Neuen. Neumanns Theater entfaltet in seiner zwischen Witz und Irrwitz schillernden Zerrspiegelei, der ausgefeilten Synchronisation von Bühne, Bild und Vorstellung einen Sog, in den auch gerät, wer glaubt, die Verfahren bereits zu kennen. Und eigentlich kennt sie jeder, denn es sind die ureigensten Mittel des Theaters selbst: kindliche Lust an der Verwandlung, am Geschlechtertausch, an Perücken, falschen Bärten, am Abenteuer, aufrauschender Musik, einem wild entbundenen Hier und Jetzt.“
Stuttgarter Zeitung, Stefan Kister, 19. Dezember

„Vielfach rollenwechselnd schlüpfen die Akteure in Figuren, die allesamt im lockenden Nichts Erlösung vom Sinn, von lastenden Gründen und Begründungen ersehnen – und wenn die Grundlosigkeit ein Abgrund wär’: Die abgründigste der Episoden ist vielleicht die gelungenste – jene Szene einer von Sebastian Röhrle grandios travestierten Frau, die sich zur sexuellen Beziehung mit ihrem Vater bekennt, die gegen Etikettierung als Missbrauchopfer rebelliert, die sich in der gesellschaftsabgewandten Finsternis des Sexus ergeht wie jene Kunden einer schwäbelnden Domina, von der sie erzählt. Das balanciert heikel auf einem gefährlichen Grat zwischen Parodie und ernster Befindlichkeit, das rührt an Rest-Tabus, das birgt ein Moment an schwarzer Poesie des Verfemten.“
Esslinger Zeitung, Martin Mezger, 19.Dezember

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