
Dirk Laucke (Text und Regie) und sein Team Matthias Platz (Medien), Thomas Mahmoud (Musik), Simone Wildt (Bühne) verarbeiten hier eine Recherchereise durch Deutschland, wo sie allerorten auf radikale Verirrung gestoßen sind: Ob bei alten Nazis oder neuen Faschos, bei Wutbürgern oder Friedensbewegten – es herrscht ein aggressives politisches Chaos, in dem die ideologischen Grenzen so verschwimmen wie die Dresscodes sich kreuzen. Die Gonzo-Künstler haben darauf keine objektive Antwort, sondern präsentieren ihr Recherche-Material in einer wild-subjektiven, brachial-komischen, medienübergreifenden Performance à la Hunter S. Thompson. Zuerst als Hörspiel, das mit dem programmatischen Beititel „Sendezwang“ bereits Anfang des Monats über WDR3 ans öffentliche Ohr drängte. Am vergangenen Freitag folgte die Theaterpremiere in Oberhausen. Die objektiven Kollegen vom Feuilleton zeigten sich sympathisch überfordert:
Arnold Hohmann, WAZ:
„Der junge Autor und Regisseur Dirk Laucke schafft hier ziemlich chaotisch auf die Bühne, was er und sein Mitstreiter Matthias Platz so alles an Merkwürdigkeiten in diesem Land aufgezeichnet haben. Was sie vor allem an Übereinstimmungen am linken und am rechten Rande des politischen Spektrums entdecken konnten, das gemahnt an eine Reise in die Finsternis, Horror inklusive. …
Der Zuschauer begreift allmählich, was hier aus dem wilden und wütenden Durcheinander auf der Bühne als Botschaft hervordampft, Laucke macht es ihm eben nur nicht leicht. Der Anfang verspricht zunächst eine Radiosendung „kühler Ideologiekritik“, moderieret von einem Deutschen namens Bismarck (Mohammad-Al Behboudi), die sogar einen eigenen Sprecher für Fußnoten (Hartmut Stanke) besitzt. Dann zelebrieren zwei rasende Jungjournalisten (Richard Barenberg, Sergej Lubic) als Stellvertreter des Autorenduos eine wüste Mischung aus O-Tönen, Filmschnipseln und Szenen, die jede Ordnung zerschlagen und im Aufnahmebereich des durchschnittlichen Zuschauers einen Stau geradezu provozieren.“
Vasco Boenisch, Süddeutsche Zeitung:
„Dieses Passantengestammel von Dresdner Demos, Altnazi-Verblendung und Neufascho-Phrasen werden zu einer wirren, aber kurzweiligen Collage, die den Status Quo der deutschen Phlegma- und Protestseele zwischen Holocaust und Stuttgart 21 sampelt. In einer vollgerümpelten Asservatenkammer fließen Rollen und Szenen launig ineinander, selbst die seitenlangen Fußnoten erhalten kauzige Gestalt. … Ein Deutschlalalandlied mit mehr Kabarett als Kartharsis, aber sympathisch unfertig und selbstironisch.“
Klaus M. Schmidt, nachtkritik:
„Helmut Stanke spielt Bismarcks „wütende Fußnote“ (sic!) und ihr beziehungsweise ihm verdankte man dann ein paar vielleicht teils auch zu schlaue Anmerkungen, die Stanke in die Theatertauglichkeit rettet, indem er sie und sich mit dem Drang, jetzt aber mal Klarheit in die Sache zu bringen, nach vorne schiebt.“
Und noch einmal Arnold Hohmann, WAZ:
„Da kann man nur froh sein, dass es noch Anja Schweitzer gibt, die in mannigfachen Rollen für die kabarettistischen Momente des anstrengenden Abends sorgt. Sie ist mal Marlene Dietrich, mal autonome Nationalistin und spricht als OP-Schwester einen gigantischen Monolog…“
und wieder Klaus M. Schmidt, nachtkritik:
„Der Monolog der Beziehungsbrecherin ist eine Glanznummer. Da erzählt sie atemlos vom Treuebruch mit ihrem Therapeuten, um im anschleißenden Bericht über den Streit mit ihrem Freund zu der Erkenntnis zu kommen: „Wenn man mehr reden würde, dann kommt es auch nicht zu so Missverständnissen wie Konflikte, Kriege, Konzentrationslager und lalala.“ Missverständnisse? Lalala? Verharmlosend ist dieser Abend sicher nicht, auch wenn er offensichtlich mit Absicht überfordert. Dafür wird einem aber auch nicht vorgegaukelt, dass man rechte und linke Gegner der bürgerlichen Mitte trennscharf auseinanderdividieren kann.“
Stefan Keim in der Deutschen Bühne:
„Diese extrem subjektive Form der Berichterstattung auf der Grenze zur Fiktionalisierung entstand in den siebziger Jahren in den USA, der Titel spielt auf den Klassiker des Genres an, Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“. Laucke und Platz erscheinen in der Theaterfassung als Kunstfiguren. Sie heißen Jörg Holz und Thomas Zaunmüller, der eine ein etwas schlichter Partyfan in kurzen Hosen, der andere ein verklemmter Aufklärer in Schlips und Anzug. Es ist ein lauter, wilder, betont unfertiger Abend. Originalaufnahmen werden eingespielt, manchmal übernehmen Schauspieler diese Töne und führen die Charaktere auf der Bühne weiter. Es gibt Videos, Musik, man brüllt in Mikrofone und zitiert Kleist und Adorno. Eine bewusste Überforderung des Zuschauers, die sich logisch aus den Thesen des Abends ergibt. Denn Laucke, der für die Theaterfassung allein verantwortlich ist und auch Regie führt, meint, wer sich nicht selbst in Frage stelle und kritisiere, denke schon nicht mehr demokratisch. Also ironisiert er auch seine eigenen Erlebnisse und Erkenntnisse…“
und auf WDR 2 ergänzt er: „Dieser Abend ist nichts für Weicheier, sondern harte, kompromisslose Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich für demokratischer hält als sie ist.“
Dorothea Marcus, Deutschlandfunk:
„Ein sympathisch vermessener Abend, der das Chaos zum Programm erhebt und zugleich ein politisches Lehrstück sein will.“
und zum letzten mal nachtkritik:
„… und so ist man für die „Fußnoten“ dankbar – von welchem Theaterabend wäre das je behauptet worden.“