
Die jüngste Theaterproduktion des Autors und Regisseurs Jan Neumann beschäftigte sich am Staatstheater Stuttgart mit dem dort spielzeitprägenden Thema Glaube. Gemeinsam mit fünf Schauspielern und in bewährter Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Thomas Goerge entwickelte Neumann einen ironisch-poetischen Theaterabend, der jetzt im Depot zur Uraufführung kam.
"Der größte Scheiß ist, dass ich nicht weiß, gegen welche Scheiße ich jetzt was machen kann", brüllt der Student Benjamin Ullrich seinen tumben WG-Mitbewohnern entgegen, nachdem er ihnen in einer mehrminütigen Wortkanonade sämtliche aktuelle Vergehen der Menschheit um die Ohren gehauen hat: von "Folter, Kinderarbeit, Todesstrafe" über den "Kampf ums Wasser, das Verschwinden der Arten, die schmelzenden Pole" bis hin zur "Unfähigkeit zu kommunizieren, Dominanz der Medien, Verrohung der Jugend" und zu "Atomkraftwerken und Atombomben". So gut wie alles ist dabei, was einem einfällt zum Thema menschenverschuldetes Ungemach. Doch Ullrichs Demo-Transparent wird am Ende leer bleiben. Er weiß einfach nicht, was er draufschreiben soll.
Im neuesten Projekt FUNDAMENT des Theaterautors und Regisseurs Jan Neumann, das jetzt im Depot des Staatstheaters Stuttgart zur Uraufführung kam, brachte diese Tirade das Publikum spontan zum Klatschen. Das Dilemma schien den Anwesenden nicht ganz unbekannt....
FUNDAMENT zeichnet ein Bild unserer Zeit, zeigt unterschiedliche Formen der oft verzweifelten Sinnsuche. Da geht es eher um Assoziationen als um Antworten. Sehr viel Text bändigt das virtuos agierende Ensemble an diesem gut 100 Minuten dauernden Abend. FUNDAMENT hat der Regisseur mit seinen Schauspielern zusammen erarbeitet. Vieles ist aus der Improvisation und aus Diskussionen heraus entstanden, hat das Schreiben des Autors beeinflusst. Die Logik der Ereignisse wird von der Erzählstruktur bestimmt, einer Mischung aus detailgenauer Erzählung, Monologen und Dialogen. Die Schauspieler erzählen, schlüpfen dann flugs in eine Rolle und switchen dann wieder zurück, mal sind sie Hauptfiguren in ihrer eigenen Episode, mal Nebenfiguren in den anderen. Die quecksilbrige Struktur verhindert jegliches Pathos."
nachtkritik.de 27.November 2009
"Entscheidet sich ein Theater für Jan Neumann und steht auf dessen Vertrag "Stückentwicklung", bekommt es genau das. Was dabei allerdings herauskommt, weiß niemand. Sobald Neumann mit den Schauspielern improvisierend Text entwickelt, dem er in einsamen Abend- und Nachtstunden die Struktur einer literarischen Erzählung verleiht, entsteht ein Stück "on demand"...
In Stuttgart setzt er jetzt einen drauf, indem er Menschen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Provenienz mit einer stimmigen Short-Cut-Dramaturgie rund um einen verheerenden Sprengstoffanschlag gruppiert. Ziel des Terrors in FUNDAMENT ist der Hauptbahnhof, der unschwer als der Stuttgarter zu erkennen ist. Das verbindende Glied ist der Zeitpunkt des Anschlages und die Frage, wer tragischerweise gerade noch oder glücklicherweise gerade nicht mehr am Ort des Schreckens weilt...
Auf der Bühne sind sie in schnellem Wechsel eine der Figuren oder geben als Erzähler einen jener hochpolierten Erzähltexte zum Besten, die Jan Neumann als literarische Perlen einstreut."
Süddeutsche Zeitung, 1. Dezember
"Jan Neumann ist ein inhaltlich überzeugender, enorm unterhaltender Abend gelungen, der beweist, dass seine offene Arbeitsweise ein gutes Fundament für neue Stücke ist. Wenn er so gute Schauspieler hat wie in Stuttgart."
Frankfurter Rundschau, 30. November
"Der würfelförmige Raum kündet mit seinem Gemenge aus religiösen Devotionalien, die mit Kitsch an ihre Herkunft aus Moschee, christlicher Kapelle und Synagoge erinnern, vom Gerangel der diversen Religionen um das Seelenheil der Menschen von heute. Der spannende Abend im Theater im Depot wird zeigen, wie sie krampfhaft nach Halt und Orientierung suchen...
... beobachtet Jan Neumann mit böser Situationskomik, wie seine Figuren in engen Spielnischen durch ihr Leben zapplen. Rast- und hilflos, als seien sie in einem Hamsterrad gefangen.
Behutsam, als geleite er sie durch eine Kunstausstellung, bewegt Neumann die Zuschauer auf der Drehbühne stückchenweise im Kreis und führt ihnen dabei sein Personal als Exponate chronischer Fremdbestimmung vor. Wie Voyeure, die ihre eigene Existenz im Gegenüber gespiegelt sehen, werden die Zuschauer Zeugen der Rastlosigkeit von Getriebenen."
Stuttgarter Nachrichten, 30. November.