"Gott allein" ist bereits das 7. Stück, das Jan Neumann nach einer thematischen Vorgabe im gemeinsamen Probenprozess mit Schauspielern entwickelt hat. Mit "Fundament", der zuletzt auf diese Weise entstandenen Produktion, hat das Stuttgarter Staatstheater unlängst mit großem Publikumserfolg bei den "Autorentheatertagen" in Berlin gastiert. Dieses Mal nun wurde der Autor, Regisseur und Schauspieler vom Staatsschauspiel Dresden eingeladen, mit einem fünfköpfigen Schauspielerteam auf theatralische Entdeckungsreise zu gehen. Die Premiere der Inszenierung am Freitag, den 23. April im Kleinen Haus fand bei der Kritik geteiltes Echo.
"Fünf Personen springen auf ein kleines Podest und drängen sich ans Mikrofon. Diese Theaterfiguren tragen alle zur Trainingshose ein rotes Sweatshirt, graue Wollmütze, Brille und dünnen Oberlippenbart. Sie gleichen sich wie Klone und reden mit einer Stimme ...
Jan Neumann beginnt "Gott allein" nicht nur mit Sprach- und Bedeutungswitzeleien, die sein Stück durchzeihen, sondern auch mit einem Theatereffekt von tieferer Bedeutung: denn Harald Zwilling, der in einer Kneipe an seinem 40. Geburtstag eine Runde schmeißt und gerade mit einem Elvis-Imitator-Auftritt mal wieder gescheitert ist, erinnert sich als einer von fünf Arbeitern, die der Automatisierung zum Opfer fielen und nicht mehr weiter wussten.
Gezeigt wird der Rückblick auf ein Scheitern. Einst arbeiteten die fünf an einer Verpackungsmaschine, dann suchten sie nach der Entlassung nach einem neuen Inhalt für ihr Leben. Jeder auf seine Weise. Einer als weinerlich Depressiver, ein anderer als schaurig schön hessisch babbelnder Optimist, der zwar keine Vorstellungen besitzt, aber so energisch wie vergeblich in eine Kollegin verliebt ist, und ein dritter schwört alle auf Selbstmotivation ein. Sehnsüchte sollen bekannt, Hoffnungen benannt werden.Erzählt wird vom alltäglichen Leben, wobei die vielen kleinen Situationen auch aus dem Leben nur einer Figur stammen könnten - aus dem des Harald Zwilling.
Gesprochen und gespielt wird nie mit tapsiger Ernsthaftigkeit, sondern es wird, ohne die Figuren zu verraten, vor allem auf Komik gesetzt. Was Neumann bietet, ist kein fein gezeichnetes psychologisches Theater, sondern ein spielerisch ausgestelltes Wirkungstheater...."
Deutschlandfunk, Kultur heute 24. April 2010
"Das alles erzählt sich so gut, weil "Gott allein" vor allem eine zwar etwas unordentlich sortierte, aber überschaubare Ansammlung von zunächst mehr oder minder ulkigen, dann immer tristeren, trostloseren Details ist. Mehr aber ist Neumanns Text dann auch nicht. Pointen kann er bauen, vor allem in den ziemlich abstrusen Bewerbungsgespächen; szenische Wendungen fallen ihm in Massen ein, etwa wenn in Harrys finalen Absturz hinein ein anderer Elvis-Imitator auftaucht, und ihn mit stark osteuropäischem Akzent zur Schnecke macht - sogar Elvis können die inzwischen besser! ... und gerade, weil die Untergänge, von denen er erzählen will, zwar fulminant und existenziell vernichtend sind, aber wie handgestrickt aussehen, ist diese latente Unterhaltsamkeit schlussendlich auch ein bisschen ärgerlich."
Nachtkritik, 23. April
"Der Humor kommt nicht zu kurz, das Stück mischt munter Comedy, Groteske, Parodie und Tragödie. Alle Darsteller spielen im Wechsel Harry und viele Nebenfiguren, eine gelungene Ensembleleistung. ...
Jan Neumann zeigt Menschen, die sich vorsichtig öffnen, ihren "emotionalen Panzer" ablegen. Er hat ein gutes Gespür für soziale Verwerfungen in der Gesellschaft. "Gott allein" ist ein kritisches Zeitstück, das viel über die Gegenwart zu sagen hat"
Sächsische Zeitung, 26. April