4 Damen, 7 Herren
Mit dem Roman "1984" wurde George Orwell vor fast 50 Jahren schlagartig
weltberühmt. Seine düstere Zu-kunftsvision hat Simone Schneider angeregt zu
einem Stück, in dem Orwell nun selbst als Hauptfigur agiert. Vor einer
gigantischen Sendeanstalt lungern "Stille Typen" an einem Imbiss-Stand, nur
noch am Leben gehalten von regelmäßiger Bier- und Snack-Zufuhr. Auch Orwell hat
hier
seinen Stammplatz. Er arbeitet an einem Beitrag für die Pilotsendung
des Zukunftsmagazins. Doch keiner der von ihm befragten Zeitzeugen kann sich
unter Zukunft noch etwas vorstellen. Und Orwell scheint nicht recht bei der
Sache. "Mentale Dauererektion" diagnostiziert van den Bloom, der Mann hinter dem
Tresen, seitdem Orwell sich in die blutjunge Leila verliebt hat, die im Sender
als Botin arbeitet.
Leila, talentiert und ehrgeizig, auf ihren Rollschuhen in permanenter Bewegung,
will sich an solchen Nebensächlichkeiten nicht aufhalten. Nachdem Stalin, der
Herrscher über Mensch und Information, ihr während der obligatorischen
Gehirnwäsche geflüstert hat, dass sie das geklonte Identitätsdouble
ihres Verehrers Orwell ist, versucht sie, ihr Original "abzuwickeln". Überhaupt
stehen die Mitarbeiter des Senders unter extremem Erfolgsdruck.
Euster, der Showmaster, ist völlig am Boden, weil seine letzte Quizsendung die
Quote nicht mehr erreichte. Wenig später findet er sich als abgerichteter Köter zu
Stalins Füßen wieder. Inzwischen wir Eusters Frau Emily verrückt vor Angst. Denn
auch ihre beiden Kinder sind via Bildschirm längst in eine pornografische
Horrorwelt emigriert. Einzig ein gewisser Simmel, stets mit der Korrektur von
Druckfahnen beschäftigt, kommt unbehelligt durch die Zeit. Seine zynische
Devise: "Erst wenn die Sprache vollkommen leer ist, wird sie vollkommen sein."
Entsprechend arm und kalt, häufig auf Halbsätze und Kürzel reduziert, rattert der
Dialog zwischen den Figuren. In dieser Welt ist kein Platz mehr für die Kunst
und für die Liebe. Am Ende wird Orwell, inzwischen selbst hinter die Imbisstheke
verbannt, zusammen mit Emily von deren Kindern zur Strecke gebracht.
"Simone Schneiders sprachliches Abräumkommando ist gespickt mit nicht ganz
unbekannten Schreckensmetaphern. Ihr Stück besitzt jedoch Intelligenz und Reiz.
Armin Petras' Inszenierung verlangt vom Zuschauer Gedankensprünge. Handlung
spielt keine Rolle. Das Segment ist Zeichen des Verfalls der Werte." SÜDDEUTSCHE
ZEITUNG, 4.6.1996
