Doppeluraufführung

Erschreckend real: Der HANNIBAL-Komplex

vom 11.10.2021

Bild: Laura Nickel

Rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Sicherheitsorganen: Inspiriert von Horváth und der Actionserie „The A-Team“ zeichnet Dirk Laucke den Weg der militanten Radikalisierung eines KSK-Soldaten nach. Die Uraufführung fand am selben Tag in Freiburg und Weimar statt.

Thema und Inszenierung haben es in sich. „Das Ergebnis auf der Bühne ist ein spannender politischer Theaterabend“, berichtet Wolfgang Schilling auf MDR Kultur, der die Inszenierung von Sebastian Martin im E-Werk in Weimar gesehen hat. Dirk Laucke nimmt reale rechtextremistische Vorfälle in deutschen Sicherheitsorganen und Behörden „und führt sie in einer fiktiven Geschichte modellhaft zusammen“. Auch Hannibal, Held einer US-Actionserie, wurde zum Titelgeber einer Verschwörung militanter rechter Extremisten, die 2018 aufgeflogen ist.

Für seinen Protagonisten hat sich Dirk Laucke von der Geschichte des namenlosen Soldaten in Ödön von Horváths Roman „Ein Kind unserer Zeit“ inspirieren lassen. Er hebt „mit dem Andocken bei Horváth, der die Militarisierung Deutschlands in den 1930ern im Blick hatte (…) die soldatische Gesinnung und ihre Radikalisierung ins Allgemeine. (…) Laucke geht es nicht um dokumentarisches Theater“, meint Bettina Schulte, Badische Zeitung, in Reaktion auf die Freiburger Inszenierung der serbischen Regisseurin Bojana Lazić.

Der Autor fragt nach den Motiven seiner Figuren „und analysiert auch die systemischen Fehler einer Armee, einer Gesellschaft, die zu solchen Entwicklungen führen kann“. Dabei verzichtet er auf Klischees und Schwarz-Weiß-Optik. „Laucke urteilt und wertet nicht, er seziert und analysiert. (…) Er zeigt das Leben, wie es ist. Das tut gut. Gerade in Zeiten des vorschnellen Aburteilens von Haltungen, die nicht der eigenen entsprechen“, so Wolfgang Schilling.

„Dass vom Publikum in den kommenden 100 Minuten kein Mucks zu hören ist, liegt je zur Hälfte an Autor und Regisseur. (…) Das ist dicht und beklemmend gespielt, so folgerichtig wie fürchterlich – und stellt natürlich den Krieg an den Pranger. Aber auch die Frage, wie wir mit denen umgehen, die die wir in den Krieg schicken und die das Glück haben, lebend zurückzukommen“, beschreibt Ute Grundmann, Die Deutsche Bühne, die Weimarer Inszenierung.

Etwas anders hat es Bettina Schulte in Freiburg erlebt: „Wie Männer ihre militärischen Rituale vollziehen, entbehrt in Lazićs Inszenierung nicht der Komik. (…) Klar ist in dieser Inszenierung nur eins: Die Träger der Ypsilon-Chromosoms waren immer schon männerbündelnde Raubtiere.“

Zitiert wurden folgende Quellen:
Wolfgang Schilling, MDR Kultur, 01.10.2021
Bettina Schulte, Badische Zeitung, 02.10.2021
Ute Grundmann, Die Deutsche Bühne, 01.10.2021
Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH 2007 | Datenschutz | Impressum | Kontakt