SACRIFICE – Oper rabiat überwältigend und brandaktuell – von Sarah Nemtsov und Dirk Laucke

vom 13.3.2017


© Falk Wenzel

Einen „wüsten, konsequenten, bohrend zeitgenössischen Musiktheaterabend“ erlebte die Rezensentin Christine Lemke-Matwey von der Zeit bei der Uraufführung des Auftragswerkes SACRIFICE für die Oper Halle unter dem jungen neuen Leitungsteam von Intendant Florian Lutz, der hier auch Regie geführt hat.

Pressestimmen:
„Wieder in der Raumbühne „Heterotopia“ von Sebastian Hannak (...) mit den Zuschauern auf der höchst sinnvoll rotierenden Drehbühne, einem überbauten Zuschauerraum samt gipfelfernem zweiten Rang sowie Hinter- und Nebenbühne als Spielfläche. Vor allem mit dem sichtbar über dem eigentlichen Orchestergraben platzierten Orchester.“
Joachim Lang, Mitteldeutsche Zeitung, 7. März 2017

„Der Titel SACRIFICE schlägt die Brücke zu einem Vers aus einem afghanischen Gedicht, zugeschrieben den Taliban. Dieser gliedert die Oper wie ein Refrain: „Möge ich geopfert sein“- „May I be sacrificed“. Dazwischen überlagern sich Aktionen und Zustände. Zum einen der vielerörterte Aufbruch zweier Mädchen 2014 aus Sangerhausen nach Syrien, um in den Dschihad zu ziehen. Parallel nimmt 2015 ein deutsches Ehepaar eine Gruppe Flüchtlinge auf und durchmisst alle Stufen des Diskurses über Nächstenliebe. Ein Syrer wartet in Istanbul auf sein Einreisevisum nach Deutschland. Drei Journalisten (sie stehen für Wort, Bild, Ton) diskutieren im Krisengebiet über Wert, Funktion und vor allem den Sinn von Nachrichten. Das betrifft auch SACRIFICE selbst, die Oper wie ihre Wiedergabe. Und über allem reflektiert die Inszenierung von Florian Lutz noch die Ratlosigkeit der Komponistin kurz vor Probenbeginn: Welchen Schluss findet sie im Spannungsfeld von Opfern und Oper?“
Roland H. Dippel, neue musikzeitung, 6.März
„Man ahnt, dass hier Bögen und Engführungen angelegt waren, die der angepeilten Fasson des Abends weichen mussten. Aber selbst dort, wo Lauckes immer wieder reizvolle Librettoreste sich wie in einem Singspiel als gesprochenes Wort emanzipieren, ist das Gesagte kaum vernehmbar, geschweige denn, dass man sich darauf einlassen könnte. Das hat auch damit zu tun, dass Terror, Bildhölle und IS für Sarah Nemtsov vor allem phonstarken Hochdruck bedeuten.“
Janis El-Bira, nachtkritik, 6.März

„Es ist keinesfalls nur Koketterie oder bloßer (bei all dem Ernst hochwillkommener) selbstreferenzieller Witz, wenn die Komponistin via Einblendung irgendwann ihre Ratlosigkeit zu Protokoll gibt. Was kann man tun? Was kann ich tun? So fragt sie. Und lässt ihre faszinierende, raumfüllende, keine Ausflucht zulassende Tonspur des Grundrauschens der Welt voller Gewalt und Fragen, doch ohne Harmonie und Schönheit vortäuschende Antworten, immer weiter laufen. Irgendwann hat man das Gefühl, dass sie nicht mehr so recht herausfindet aus ihrer Selbst- und Zeitbefragung.“
J.Lang, MZ

„So wenig wie das pubertäre Heil im IS und im Dschihad liegen kann, so wenig haben die liberalen Mehrheitsgesellschaften diesem an Sinn entgegenzusetzen. Was Leitartikel und intellektuelle Analysten täglich durch die Essaymühle drehen (...) wird in Halle leibhaftig, sinnlich erfahrbar. Schulter an Schulter. Es mag poetischer Opernabende geben, auch humorvollere, aber wenig arriviertere.“
Christine Lemke-Matwey, Die Zeit, 9. März 2017

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